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1945 Der Turmwagen braucht Benzin


Zu den ersten Maßnahmen der amerikanischen Besatzer in ihrer Enklave Bremen gehörte auch die Beschlagnahme von Fahrzeugen. Lastwagen, Transporter und Personenwagen mussten an bestimmten Sammelpunkten in der Stadt gefahren werden. Dort wurden sie registriert und abgestellt.
Auch in Bremen-Horn auf "Böschens Wiese", an der Achterstraße gab es einen solchen Sammelplatz. Er wurde von einigen amerikanischen Soldaten bewacht, die diese Tätigkeit allerdings nicht im Sinne preußisch-deutscher Gewohnheiten ausübten, sondern ein bisschen lässig, wohl im Vertrauen in den sprichwörtlichen Respekt der Deutschen vor allem Militärischen.
Mit der Verwendung der Fahrzeuge hatte es die Militärregierung offenbar nicht eilig. So standen die Fahrzeuge da, und ihr Anblick erweckte in manchem Bürger unstatthafte Gedanken. Die Straßenbahner zum Beispiel, von ihrem Betriebsbahnhof Horn durch Beschlagnahme vertrieben und seinerzeit nicht gerade überbeschäftigt, dachten ständig an das viele Benzin in den Tanks der requirierten Fahrzeuge. Benzin, das die Bremer Straßenbahn nicht hatte und so nötig brauchte.
Solch eine ungleiche Verteilung von Gütern untergräbt bekanntlich leicht die Moral. So kam es dann, dass einige wackere Männer, einzig beseelt von dem Vorsatz, einem dringenden Mangel abzuhelfen, Recht und Vorsicht außer acht ließen und den Inhalt der Tanks mit Hilfe von Schalen und Kanistern von Böschens Wiese an andere Orte, die hier nicht näher beschrieben werden sollen, "verlagerten". Sie arbeiteten sehr erfolgreich. Nach einigem Zögern gingen sie in schwierigen Fällen dazu über, sich einer Eisenstange zu bedienen, die vom Fachmann zielstrebig geführt, den Tank mit einer zusätzlichen Öffnung versah und auf diese Weise den gewünschten Erfolg garantierte.
Zur Ehrenrettung der Missetäter muß gesagt werden, daß diese Benzinbeschaffung völlig uneigennützigen Zwecken diente. Der so mühsam gewonnenen Treibstoff wanderte bis auf den letzten Tropfen in den Tank des Turmwagens, der nun endlich die Arbeit aufnehmen und mit dem Aufhängen der Fahrleitung beginnen konnte.